Die Geschichte des Softeis: Vom Zufallsprodukt zum globalen Imperium
Der Geschmack von Nostalgie – Mehr als nur Eiscreme
Das Geräusch der Maschine, die surrend zum Leben erwacht. Der Anblick des perfekt geformten, cremigen Wirbels, der sich majestätisch auf einer knusprigen Waffel auftürmt. Der erste kühle, samtige Geschmack an einem heissen Sommertag. Für unzählige Menschen ist Softeis nicht nur eine Süssigkeit, sondern eine Zeitkapsel, die direkt in die glücklichsten Momente der Kindheit führt. Es ist der Geschmack von unbeschwerten Ferien, von Jahrmärkten und von gemeinsamen Familienausflügen.
Doch hinter diesem universellen Gefühl der Nostalgie verbirgt sich eine faszinierende und oft umstrittene Geschichte. War dieser beliebte Genuss wirklich ein glücklicher Zufall, eine geniale Marketingstrategie oder das Ergebnis akribischer Forschung? Wer hat Softeis erfunden? Die Antwort ist komplexer, als man denkt. Diese Reise führt uns zurück zu den eisgekühlten Delikatessen antiker Imperien, in die Zeit der grossen Depression in Amerika, wo Einfallsreichtum aus der Not geboren wurde, und schliesslich um die ganze Welt, wo sich das Softeis zu einem globalen kulturellen Symbol entwickelte. Begleiten Sie uns auf einer süssen Zeitreise, um die wahre Geschichte des Softeis zu entdecken.
Die eiskalten Wurzeln – Eine Welt vor dem Softeis
Um die revolutionäre Neuheit des Softeis im 20. Jahrhundert wirklich zu verstehen, muss man zunächst einen Blick auf seine jahrtausendealten Vorläufer werfen. Die Idee, gefrorene Leckereien zu geniessen, ist keine moderne Erfindung, sondern ein Luxus, der einst Kaisern und Königen vorbehalten war. Entgegen der landläufigen Meinung, Eiscreme sei eine rein italienische Kreation, liegen die frühesten Wurzeln in Asien. Bereits um 3000 v. Chr. genossen chinesische Herrscher eine Art Eis, das aus Schnee, Früchten und Honig bestand. Im Perserreich wurde um 400 v. Chr. eine cremigere Variante kreiert, eine Mischung aus Rosenwasser, Reisnudeln und Früchten, die als Vorläufer des heutigen Sorbets gilt.
Historische Persönlichkeiten wie der römische Kaiser Nero, der sich Schnee von den Bergen holen liess, um ihn mit Früchten und Honig zu mischen, trugen zur Legendenbildung bei. Es war jedoch Marco Polo, der im 13. Jahrhundert Rezepte für gefrorene Milchdesserts aus China nach Italien gebracht haben soll und damit den Grundstein für die europäische Eiskultur legte.
Der entscheidende technologische Sprung passierte im 16. und 17. Jahrhundert mit der Anwendung endothermer Prozesse, bei denen Salz dem Eis beigemischt wurde, um den Gefrierpunkt zu senken und so eine cremigere Konsistenz zu erzeugen. Doch Eiscreme blieb ein aufwendig hergestelltes Luxusgut für den Adel. Dies änderte sich erst im 19. Jahrhundert, als eine Reihe von Erfindungen den Weg für die Massenproduktion ebneten. 1843 patentierte die Amerikanerin Nancy Johnson die erste handbetriebene Eismaschine, die es Familien ermöglichte, Eis zu Hause herzustellen. Kurz darauf, im Jahr 1851, gründete der Milchhändler Jacob Fussell die erste kommerzielle Eisfabrik der Welt und machte Eiscreme damit erstmals für eine breitere Bevölkerungsschicht erschwinglich.
Diese Entwicklung zeigt einen klaren historischen Bogen: von einem extrem exklusiven Gut für Herrscher hin zu einem handwerklich hergestellten Produkt für den bürgerlichen Haushalt und schliesslich zu einem industriell gefertigten Konsumgut. Jeder dieser Schritte war eine Demokratisierung des Genusses, angetrieben durch technologischen Fortschritt. Die Erfindung des Softeis in den 1930er Jahren war kein isoliertes Ereignis, sondern der logische Höhepunkt dieser Entwicklung. Es war die ultimative Demokratisierung des gefrorenen Desserts – sofort verfügbar, erschwinglich und perfekt zugeschnitten auf die aufkommende amerikanische Autokultur und die Welt des Fast Foods.
Der Urknall des Softeis: Ein Thron, viele Anwärter
Die 1930er Jahre in den USA, eine Zeit wirtschaftlicher Not und grosser Innovationen, wurden zur Geburtsstunde des Softeis. Doch die Frage, wer den Titel des wahren Erfinders für sich beanspruchen kann, ist bis heute Gegenstand von Debatten und Legenden. Zwei Namen stehen dabei im Zentrum des Geschehens: Tom Carvel und J.F. McCullough von Dairy Queen. Ihre Geschichten könnten unterschiedlicher nicht sein – die eine geprägt von einem glücklichen Zufall, die andere von strategischer Planung.
Die Legende der Reifenpanne – Wie Tom Carvel das Softeis erfand
Die wohl berühmteste Entstehungsgeschichte des Softeis ist die von Tom Carvel, einem griechischen Einwanderer, der als Athanassios Karvelas geboren wurde. Am Memorial-Day-Wochenende 1934 erlitt sein Eiswagen in Hartsdale, New York, eine Reifenpanne. Um seine schmelzende Ladung zu retten, begann er, das weicher gewordene Eis an vorbeifahrende Urlauber zu verkaufen. Zu seiner Überraschung waren die Kunden begeistert von der cremigeren, weniger kalten Textur.
Aus diesem Missgeschick zog Carvel zwei entscheidende Lehren, die sein Leben verändern sollten: Erstens erkannte er das Potenzial eines festen Verkaufsstandorts, und zweitens verstand er, dass die Menschen eine weichere Form von Eiscreme liebten. Zwei Jahre später kaufte er das Töpfergeschäft, auf dessen Parkplatz sein Wagen liegen geblieben war, und baute es zum ersten Carvel-Eisstand um. Doch er begnügte sich nicht damit, schmelzendes Eis zu verkaufen. Er entwickelte eine geheime Rezeptur auf Basis einer Konditorcreme und, was noch wichtiger ist, er erfand und patentierte 1936 eine spezielle «super-low temperature» Eismaschine ohne Luftpumpe, die das Eis frisch und direkt für den Kunden zubereiten konnte. Dieser Fokus auf die patentierte Technologie zur direkten Ausgabe untermauert seinen Anspruch als Erfinder des Softeis-Prozesses.
Die «All-You-Can-Eat»-Sensation – J.F. McCullough und der Aufstieg von Dairy Queen
Während Carvels Geschichte von einem Zufall geprägt ist, ist die von Dairy Queen das Ergebnis gezielter Experimente. Im Jahr 1938 entwickelten John Fremont «Grandpa» McCullough und sein Sohn Alex eine neue Formel für ein weiches, gefrorenes Dessert. Um ihre Idee zu testen, veranstalteten sie am 4. August 1938 in der Eisdiele ihres Freundes Sherb Noble in Kankakee, Illinois, einen legendären Probelauf: ein «All-you-can-eat»-Event für nur 10 Cent. Der Erfolg war überwältigend. In nur zwei Stunden verkauften sie über 1.600 Portionen – das war der ultimative Beweis für das Marktpotenzial ihrer Erfindung.
Im Gegensatz zu Carvel, der seine eigene Maschine baute, standen die McCulloughs nun vor einer technologischen Hürde: Sie fanden keinen Gefrierschrank, der ihr Produkt kontinuierlich herstellen und ausgeben konnte. Die Lösung kam 1940 durch eine Partnerschaft mit dem Erfinder Harry Oltz, der einen funktionierenden Prototyp entwickelte. Mit dieser Maschine eröffneten sie am 22. Juni 1940 die erste Dairy Queen-Filiale in Joliet, Illinois, und legten den Grundstein für ein globales Imperium. Die Frage, wer hat softeis erfunden carvel oder dairy queen, bleibt somit eine Frage der Perspektive: Carvel erfand den Prozess durch einen Zufall, während Dairy Queen das Produkt durch strategische Tests zur Marktreife brachte.
Die vergessenen Pioniere und der britische Beitrag
Neben den beiden Giganten gab es weitere frühe Pioniere. Die Gebrüder Kohr verkauften bereits 1920 auf Coney Island eine Art «gefrorenen Pudding» (Frozen Custard), der durch die Zugabe von Eigelb besonders cremig war. Da dieser jedoch in grossen Mengen hergestellt und dann von Hand portioniert wurde, gilt er nicht als echtes Softeis im modernen Sinne. Charles Taylor, Gründer der berühmten Taylor-Eismaschinen, patentierte 1926 zwar einen automatischen Gefrierschrank, doch auch dieser war für die Chargenproduktion konzipiert.
Eine interessante Fussnote der Geschichte findet sich in Grossbritannien. Ein Forschungsteam des Lebensmittelkonzerns J. Lyons & Co. entwickelte um 1948 Softeis-Rezepturen, die mit amerikanischen Maschinen kompatibel waren. Hartnäckig hält sich das Gerücht, die spätere Premierministerin Margaret Thatcher sei Teil dieses Teams gewesen. Tatsächlich arbeitete sie in den späten 1940er Jahren als Chemikerin für J. Lyons, doch ihre Arbeit konzentrierte sich auf die Qualität von Kuchenfüllungen und die Verseifung, nicht auf die Entwicklung von Softeis.
Die parallelen Entstehungsgeschichten von Carvel und Dairy Queen illustrieren zwei fundamentale Wege der Innovation. Carvels Durchbruch war das Ergebnis von Serendipität – einem unerwarteten Ereignis, das zu einer genialen Erkenntnis führte. Er reagierte unternehmerisch auf einen Zufall und baute ein Geschäftsmodell darum auf. McCulloughs Erfolg hingegen basierte auf einer strategischen Herangehensweise: Er hatte eine Hypothese, entwickelte ein Produkt und validierte dessen Marktfähigkeit durch einen rigorosen Test, bevor er expandierte. Diese beiden Pfade – der reaktive des Zufallsentdeckers und der proaktive des systematischen Entwicklers – erklären nicht nur, warum die Ursprungsgeschichte so umstritten ist, sondern auch, warum beide Unternehmen so erfolgreich werden konnten. Sie verkörpern die zwei Seelen der Innovation.
Mehr als nur kalte Luft – Die Evolution der Softeismaschine
Der unverwechselbare Charakter von Softeis – seine samtige Textur und sein intensiver Geschmack – ist untrennbar mit der Technologie verbunden, die es herstellt. Die Geschichte der Softeismaschine ist die Geschichte des unsichtbaren Helden hinter dem Genuss. Ohne die stetige Weiterentwicklung dieser Maschinen wäre Softeis ein Nischenprodukt geblieben.
Das Grundprinzip ist eine Frage der Physik und Chemie. Was ist der Unterschied zwischen Softeis und Speiseeis? Hauptsächlich zwei Faktoren: Temperatur und Luft. Softeis wird bei einer deutlich höheren Temperatur von etwa -6 °C serviert, im Gegensatz zu herkömmlichem Speiseeis, das bei ca. -18 °C gelagert wird. Diese wärmere Temperatur ermöglicht es den Geschmacksknospen, die Aromen intensiver wahrzunehmen. Gleichzeitig wird während des Gefrierprozesses Luft in die Eismasse geschlagen – ein Prozess, der als «Overrun» bezeichnet wird. Der Luftanteil kann zwischen 30 % und 60 % liegen und ist für die leichte, cremige Konsistenz verantwortlich.
Die ersten Maschinen, wie die von Tom Carvel oder die für Dairy Queen entwickelte, waren darauf ausgelegt, eine flüssige Eismischung kontinuierlich zu gefrieren und direkt auszugeben. Doch die wahre Revolution lag in den darauffolgenden Innovationen. Bereits 1929 begann Charles Ericson mit der Firma Electro Freeze, die später zu einem Branchenführer werden sollte, mit der Herstellung von Softeismaschinen. Die entscheidenden Meilensteine, die das heutige Softeis-Erlebnis prägten, waren:
- Druckbeaufschlagte Gefrierschränke (1946): H.C. Duke & Son, die eng mit den Gründern von Dairy Queen zusammenarbeiteten, entwickelten die ersten druckbeaufschlagten Gefrierschränke, die eine gleichmässigere Produktion ermöglichten.
- Die «Twist»-Maschine (1958): Eine der ikonischsten Innovationen wurde von Electro Freeze entwickelt. Die erste Maschine, die zwei Geschmacksrichtungen (typischerweise Schokolade und Vanille) gleichzeitig ausgeben und zu einem «Twist» oder «Swirl» kombinieren konnte, verdoppelte die Auswahl für die Kunden mit einem einzigen Gerät.
- Mechanisierte Luftpumpen (1960er Jahre): Die Einführung fortschrittlicherer Pumpen ermöglichte eine präzisere Steuerung des Luftanteils. Dies war nicht nur für die Textur entscheidend, sondern auch für die Wirtschaftlichkeit, da Luft ein kostenloser Füllstoff ist.
- Selbstpasteurisierung: Besonders in Deutschland, wo in den 1970er und 80er Jahren Hygieneprobleme das Image von Softeis beschädigten, war die Entwicklung von selbstpasteurisierenden Maschinen ein Wendepunkt. Diese erhitzten den Eismix regelmässig, um Bakterien abzutöten, was die Sicherheit erhöhte und den täglichen Reinigungsaufwand drastisch reduzierte.
Die Entwicklung der Softeismaschine zeigt, dass die Technologie nicht nur ein Werkzeug, sondern der eigentliche Ermöglicher des gesamten Erlebnisses ist. Jede Verbesserung – vom einfachen Dispenser über die Twist-Funktion bis hin zu den heutigen computergesteuerten, selbstreinigenden Modellen – erweiterte nicht nur die Möglichkeiten der Hersteller, sondern formte auch die Erwartungen der Verbraucher. Die Ingenieure und Tüftler wie Oltz, Duke und Ericson waren es, die die visionäre Idee des Softeis in eine skalierbare, sichere und profitable Realität umsetzten. Die Maschine selbst ist somit eine zentrale Figur in dieser süssen Geschichte.
Vom Zufallsprodukt zum Imperium – Die Marketing-Genies
Die Erfindung einer neuartigen Leckerei und der dazugehörigen Maschine war nur der erste Schritt. Der wahre Aufstieg von Softeis zu einem kulturellen Phänomen wurde durch brillante Geschäfts- und Marketingstrategien vorangetrieben. Tom Carvel und die Gründer von Dairy Queen waren nicht nur Innovatoren, sondern auch visionäre Unternehmer, die auf ganz unterschiedliche Weise Imperien aufbauten.
Carvels «Sundae School» und der Wal «Fudgie»
Tom Carvel erkannte schnell, dass der blosse Verkauf seiner patentierten Maschinen nicht ausreichte. Viele Käufer scheiterten am Betrieb. Seine Lösung war revolutionär: 1947 entwickelte er eines der ersten modernen Einzelhandels-Franchise-Systeme. Er verkaufte nicht nur Maschinen, sondern ein komplettes Geschäftskonzept. Um die Qualität zu sichern, gründete er das «Carvel College of Ice Cream Knowledge», liebevoll «Sundae School» genannt, in dem Franchisenehmer in einem 18-tägigen Kurs alles über die Eisherstellung und den Geschäftsbetrieb lernten.
Carvel war auch ein Meister des Brandings. Er schuf ikonische Produkte, die bis heute Kultstatus haben, wie das runde Eis-Sandwich «Flying Saucer» (1951) und die berühmten Eistorten in Form von Charakteren wie «Fudgie the Whale» und «Cookie Puss». Sogar die Architektur seiner Läden mit ihren nach vorne geneigten Glasfassaden war ein unverwechselbares Markenzeichen.
Sein vielleicht grösster Geniestreich war jedoch seine authentische Werbung. Frustriert von einem professionellen Radiosprecher, der die Adresse einer Filiale vergass, begann Carvel 1955, seine Werbespots selbst aufzunehmen. Mit seiner markanten, kiesigen Stimme sprach er ohne Skript direkt zu seinen Kunden. Diese ungeschliffene, persönliche Art machte ihn zu einer regionalen Berühmtheit und schuf eine authentische Verbindung, lange bevor «Founder-as-Brand» zu einem Marketingbegriff wurde. Zudem popularisierte er Werbekonzepte wie «Buy One, Get One Free» (Kaufe eins, erhalte eins gratis).
Dairy Queens Eroberung der Kleinstädte
Während Carvel die Vororte der Ostküste eroberte, verfolgte Dairy Queen eine andere, ebenso brillante Strategie: die Dominanz des ländlichen Amerikas. DQ wurde nicht nur zu einer Eisdiele, sondern zum sozialen Herzschlag unzähliger Kleinstädte, in denen es oft nur wenige andere Freizeitmöglichkeiten gab.
Der Erfolg von Dairy Queen basierte darauf, lokale Bedürfnisse zu erkennen und zu erfüllen. In vielen ländlichen Gemeinden war DQ der einzige Ort, der nach Einbruch der Dunkelheit noch geöffnet hatte und so zu einem Treffpunkt für Jugendliche und Familien wurde. Einige Filialen verkauften sogar Grundnahrungsmittel wie Brot und Milch, um eine Versorgungslücke zu schliessen. Sie wurden zu einem unverzichtbaren Teil der Gemeinschaft. Mit der Einführung von Klassikern wie dem «Dilly Bar» (1955) und dem weltberühmten «Blizzard» (1985), bei dem Eis mit Süssigkeiten vermischt wird, schuf DQ ein Menü, das tief in der amerikanischen Popkultur verankert ist. Ihre Marketingstrategie konzentrierte sich auf die Werte Familie, Spass und Gemeinschaft und machte Dairy Queen zu einem Synonym für den amerikanischen Sommer in der Kleinstadt.
Die Titanen des Softeis: Eine vergleichende Analyse
| Herkunftsgeschichte | Carvel (Tom Carvel) | Dairy Queen (J.F. McCullough) |
| Ausgangspunkt | Reifenpanne und schmelzendes Eis am Memorial Day 1934 (Hartsdale, New York) | Gezieltes Experiment mit einer neuen Produktformel (1938, Kankakee, Illinois) |
| Markteinführung | 1936 (erster Carvel-Stand) | 1940 (erste Dairy Queen Filiale) |
| Produkt | Patentierte Maschine und spezielle Konditorcreme-Formel (Softeis-Prozess) | Weiches gefrorenes Dessert (über 1600 Portionen beim Probelauf) |
| Maschine | Selbst entwickelte, patentierte «super-low temperature» Maschine | Entwickelt in Partnerschaft mit Harry Oltz (Prototyp 1940) |
| Kernstrategie | Franchise und Markenbildung (Geschäftsmodell mit «Sundae School») | Massenexpansion und soziale Dominanz in Kleinstädten |
| Ikonische Produkte | «Flying Saucer», «Fudgie the Whale», «Cookie Puss» | «Dilly Bar», «Blizzard» |
Eine süsse Weltreise – Wie Softeis den Globus eroberte
Was in den 1930er Jahren als amerikanische Innovation begann, trat in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine Reise um die Welt an. In jedem Land, in dem es ankam, wurde Softeis nicht nur konsumiert, sondern auch kulturell adaptiert und neu interpretiert, was zu einer faszinierenden Vielfalt an Geschmäckern und Traditionen führte.
Softeis in Deutschland – Eine besondere Geschichte mit Ost-West-Flair
Die Frage, Softeis in Deutschland seit wann es das gibt, lässt sich recht genau beantworten: Die ersten Softeismaschinen wurden 1958 aus den USA importiert und für den deutschen Markt angepasst. In den 1970er und 80er Jahren litt das Image des Softeis jedoch unter wiederkehrenden Hygiene-Skandalen, was viele Verbraucher abschreckte. Erst die Entwicklung moderner, selbstpasteurisierender Maschinen konnte dieses Problem lösen und dem Softeis zu neuer Beliebtheit verhelfen.
Eine ganz besondere Entwicklung nahm das Softeis in der DDR. Es war keine eigenständige Erfindung, sondern eine einzigartige Variante, die bis heute einen Kultstatus geniesst. Der einzige Hersteller von Softeismaschinen war der VEB Kältetechnik Niedersachswerfen, der den legendären «Ilka Eisfreezer» produzierte. Die Antwort auf die Frage, warum schmeckt ddr softeis anders, liegt in der Technik: Diesen Maschinen fehlten die Hochdruck-Luftpumpen der westlichen Modelle. Das Ergebnis war ein Softeis mit deutlich weniger Luftaufschlag. Es war dichter, fester und wurde von vielen als erfrischender und weniger «sahnig» empfunden. Zusammen mit den speziellen Eispulvermischungen, etwa von der Firma Komet, entstand ein unverwechselbarer Geschmack, der für viele Menschen untrennbar mit Kindheitserinnerungen verbunden ist. Die Nostalgie ist so stark, dass einige Eisdielen bis heute liebevoll restaurierte Original-DDR-Maschinen betreiben, um diesen authentischen Genuss zu bewahren.
«Softcream» in Japan – Von Matcha bis Wasabi
In Japan, wo Softeis als «Softcream» (ソフトクリーム) bekannt ist, begann die Erfolgsgeschichte am 3. Juli 1951 auf einer Messe des US-Militärs in Tokio. Dieses Datum wird heute offiziell als «Tag des Softeis» gefeiert. Anfangs wurden die Waffeltüten importiert, doch aufgrund von Transportschäden begann die Firma Nissei bereits 1953 mit der eigenen Produktion und dominiert heute den japanischen Markt.
Japan ist ein Paradebeispiel für die kreative Anpassung von Softeis an lokale Geschmacksvorlieben. Während Vanille und Schokolade weiterhin beliebt sind, ist die Vielfalt an japanische softeis sorten atemberaubend. Zu den beliebtesten gehören Matcha (Grüntee), Kuro Goma (schwarzer Sesam), Süsskartoffel und saisonale Fruchtsorten. Aber auch experimentelle Geschmacksrichtungen wie Wasabi, Sojasauce oder Miso zeigen, wie tief das Produkt in der japanischen Esskultur verwurzelt ist.
Globale Gaumenfreuden
Die globale Reise des Softeis hat weltweit zu einzigartigen lokalen Traditionen geführt:
- Grossbritannien: Hier ist das «99 Flake» eine Institution – ein Softeis in der Waffel, in das ein Schokoladenriegel von Cadbury gesteckt wird.
- Frankreich: Softeis wird hier oft als «glace à l’italienne» (Eis nach italienischer Art) vermarktet, was auf die Rolle italienischer Unternehmer bei seiner Verbreitung in Europa hindeutet.
- USA (Neuengland): In Vermont und Umgebung ist Softeis als «Creemee» bekannt. Eine besonders beliebte Variante wird mit lokalem Ahornsirup hergestellt, was ihr einen unverwechselbaren regionalen Charakter verleiht.
Fazit: Das zeitlose Comeback eines Klassikers
Die Reise des Softeis ist eine bemerkenswerte Chronik von Innovation, Unternehmergeist und kultureller Anpassung. Was mit einer Reifenpanne in einem New Yorker Vorort und einem kühnen 10-Cent-Experiment im ländlichen Illinois begann, hat sich zu einem globalen Phänomen entwickelt. Die Geschichte ist geprägt von rivalisierenden Pionieren, deren unterschiedliche Ansätze – der eine zufällig und reaktiv, der andere strategisch und proaktiv – die amerikanische Innovationslandschaft widerspiegeln.
Der anhaltende Reiz von Softeis liegt jedoch tiefer als nur in seiner Entstehungsgeschichte. Es ist die einzigartige Kombination aus cremiger Textur und intensivem Geschmack, ermöglicht durch eine hochentwickelte, aber oft übersehene Technologie. Vor allem aber ist es die starke emotionale Verbindung, die Menschen auf der ganzen Welt mit ihm haben. Softeis ist ein Symbol für den Sommer, für unbeschwerte Kindheitstage und für das einfache Glück, einen Moment des Genusses mit Familie und Freunden zu teilen.
Heute erlebt der Klassiker ein beeindruckendes Comeback. Eine neue Generation von Eismachern interpretiert Softeis neu, indem sie handwerkliche Methoden mit hochwertigen, lokalen Zutaten und kreativen Geschmacksrichtungen kombinieren. Diese «Artisanal Soft Serve»-Bewegung schliesst den Kreis und führt ein einstiges Massenprodukt zurück zu seinen Wurzeln als handwerklich hergestellte Delikatesse. So beweist der einfache, cremige Wirbel in der Waffel, dass er mehr ist als nur eine Süssigkeit – er ist ein Stück lebendige Kulturgeschichte, das sich ständig neu erfindet und auch in Zukunft die Herzen von Geniessern weltweit erobern wird.